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  05.12.2003 15:00 - 07.12.2003 14:00  Wochenendkurs von Aurèle Nicolet in Düsseldorf
  Titel: Wochenendkurs von Aurèle Nicolet in Düsseldorf
 
  Datum: 05.12.2003 15:00 - 07.12.2003 14:00
 
  Ort: Robert-Schumann-Musikhochschule Düsseldorf
 
  Info: Der große Flötist Aurèle Nicolet besuchte die Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf für einen Drei-Tages-Meisterkurs.
Die Überschrift müsste lauten:
Ein Traum wurde wahr!
Das Wochenende begann mit dem sich-Verpassen am Düsseldorfer Bahnhof: Aurèle Nicolet hatte schon immer seinen eigenen Kopf und war nicht in den resevierten Wagen eingestiegen: alles Vorgefasste, alle Regeln werden zuerst einmal hinterfragt und bei für-nicht-nötig-befunden nicht eingehalten. So war es wohl sein gesamtes Leben lang und so durchbrach er auch alle Grenzen, eröffnete sich und damit uns neue Ufer. Ebenso wie die Unbestechlichkeit seiner gedanklichen und menschlichen Freiheit ist die Unerbittlichkeit seines beruflichen Ethos'.
Und ein gutes Stück dieses Ethos', dieser künstlerischen Moral hat er uns in Düsseldorf vorgeführt. In jedem seiner Sätze zum Thema Musik und Flötespiel kommt sie zum Vorschein: es ist der Drang zur unbedingten Ehrlichkeit, hier der Partitur, der Musik gegenüber, die ihn alles verlangen lässt - erst von sich selbst, dann von anderen -, damit wir Studierenden (und ich rechnete mit an dem Wochenende ebenso dazu wie alle anderen auch) dazu in der Lage sind, den Intentionen des Komponisten entsprechend zu spielen.
Und so war er: geduldig, ungeduldig, streng und witzig, wie es gerade sein musste. Zahlreiche Studierende der Robert-Schumann-Hochschule, aber auch Studierende anderer Hochschulen (Lübeck, Detmold, Münster und Frankfurt, aus Köln und Essen sogar aktiv) erlebten Aurèle Nicolet kostenlos, gesponsert durch die großzügige Unterstützung des Fördervereins der Hochschule, at his best. Drei Tage voller Leben, Aktivität und vor allem Musikalität, in denen Nicolet mit Leib und Seele als Zuhörer, strenger Lehrer, Metronom, Dirigent und erfahrener Musiker in seinem 78. Lebensjahr auf die spielenden Studenten wie uns Zuhörer als junger, agiler und spntaner Mann wirkte. Zwölf durch ein vorheriges Probespiel an der RSH ausgewählte Studierende haben Werke von Takemitsu, Dutilleux, Holliger, Mozart, Jolivet, Bach und anderen dem Meister vorgespielt und gemeinsam mit den zahlreichen Zuhörern von ihm gelernt: seine Bemerkungen gingen ein auf Ton- und Klangarbeit, Fingertechnik, Atmung etc., halt auf die 'Basics' des Flötespielens. Zur Vermittlung seiner musikalischen Ideen gebrauchte er dann besonders sprechende Bilder, bei denen wir seine Vorstellung hautnah mitbekommen konnten: ein Sonnenuntergang hatte nicht nur eine bestimmte Farbe, er beschrieb auch die gesamte Atmosphäre für alle Sinne: Hören, Sehen, Riechen, Erleben. Dadurch gelang es Nicolet oft eine Stimmung zu vermitteln, die sich sogleich auf den Spieler übertrug und im Klang der Stücke wiederspiegelte.
Über Repertoire sprechend gab er uns seine interessante 'qualitative Reihenfolge der Solostücke des 20. Jahrhunderts' mit auf den Studienweg: Syrinx an die Spitze stellend, folgen Density (Varese), Jolivet (Incantations) und die Berio-Sequenza. Dann erst in nächster Linie stehen Takemitsu (Voice), Halffter (Debla), Holliger und einige andere. Für das Studium seien die in der ersten Linie stehenden Werke unausweichliches Muss. Zu jedem Stück überraschte er die ihn nicht kennenden mit einer Kenntnis vieler Hintergründe und erwartete dies auch von den Studierenden: angefangen von Lebensdaten der Komponisten und Entstehungszeit des jeweiligen Werkes (eine Selbstverständlichkeit), anderen Werken - nicht nur die für Flöte- bis zu Entstehungsmständen, geschichtlichen Hintergründen etc.: eine nicht nur musikalische Allgemeinbildung ist gefragt zum richtigen Musizieren!
Im Nachblick auf die vier Teile dieses Wochenendes aber kann man feststellen, dass er uns bei aller musikalischen Arbeit gezeigt hat, dass das Technik-Üben ganz oben zu stehen hat: Voraussetzung schaffen für Kunst, also die berühmten 90% unserer Arbeit zuerst in Ordnung bringen.
Seine Technikstunde lehrte uns die Wichtigkeit eines Übe-System:
15 Minuten Einspielen mit Vom-Blatt-Spielen von nicht für Flöte Geschriebenem, wie z.B. Bach Cellosuiten. Dann 1 Std. Tonübungen, 1 Std. Tonleitern und Arpeggien (3-und 4-Klänge), wobei er alle meint, auch diatonische und pentatonische. Diese auf alle erdenklich mögliche Weise üben: Reichert oder Taffanell-Gaubert, Moyse wie auch eigene andere. Es folgt eine Stunde Etüden, hier besonders Andersen op. 15 und Lorenzo.
Innerhalb dieser Technikzeit ist es wichtig, mindestens eine ganze Stunde "ohne Handy, Computer, Fernsehen und Zeitung oder Tee" zu bleiben: zu spielen ohne Abzusetzen. Sämtliche Technikübungen sind entweder im piano oder forte zu spielen, "nie mezzoforte!".
Für alle wichtig waren seine Anregungen zur Zungentechnik: "es gibt keine Zunge ohne Zwerchfell". Er lässt für die Zungentechnik liebend gerne zuerst eine Stakkatostelle OHNE Zunge spielen. Außerdem muss es "verschiedene Zungen" geben: auch und besonders die 'französische' zwischen-den-Lippen-Zungenspitze, die "ein Härchen zwischen den Lippen wegspuckt". Für die Doppelzunge soll vor allem viel 'kö' geübt werden. Artikulation auf Tonleitern in sämtlichen Variationen.
Danach erst folgen Stücke.
"In der Musik ist alles wichtig: wie bei einem Text jeder Buchstabe wichtig ist: die Sonate, das Stück ist das Buch, die einzelnen Sätze die Kapitel, innerhalb derer die Absätze, Sätze, Wörter, Silben bis zu den Buchstaben, also einzelnen Tönen erst das Ganze ergeben: es gibt keine Nebensache!"
So könnten wir hier endlos fortfahren: jede Bemerkung Nicolets war für uns alle Anregung. Ich wünsche allen, die dies hier lesen, und den anderen auch, dass sie diesen großen Lehrer erleben dürfen - übrigens instrumentenübergreifend: es ist ein Geschenk!
Selber stolz, Nicolet zu diesem Kurs überredet zu haben, möchte ich nicht enden, ohne Dank zu sagen: der Hochschule für die großartige finanzielle und logistische Unterstützung, meinem Kollegen Andre Sebald für die wichtigsten Anregungen, seiner Schülerin Heike Hunds für das eifrige Mitschreiben und den beiden Pianistinnen Manami Sano und Cordula Hacke für ihr geduldiges Begleiten.
Michael Faust

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