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  Zephyr in Augsburg
  Rock und Rokoko
Moritz-Eggert-Uraufführung contra Mozart im Schaetzlerpalais

Vier Bläser-Welten begegneten sich beim zweiten Schaetzlerpalais-Konzert der Reihe ?Mozart der Fortschrittliche? mit dem Zephyr Bläserquintett und Moritz Eggert (Klavier): eine italienisch buffoneske (Anton Reicha), eine deutsch-romantische (August Klughardt), eine klassisch-vollkommene (Mozart) und schließlich eine provokant zeitgemäße mit der Uraufführung des Bläser-Klavier-Quintetts ?Amadé, Amadé? von Moritz Eggert.
Das um 1820 entstandene Quintett F-Dur op.100/1 für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott von Reicha evoziert in seiner spielerisch-virtuosen Art, seinen bald theatralisch-pompösen (Adagio), bald witzigen Inszenierungen (in der Lento-Einleitung meldet sich jedes Instrument gleichsam zur Stelle) von fern das Fluidum einer Rossini-Oper. Die Herren des Zephyr-Quintetts, (in der Reihenfolge der Instrumente) Michael Faust, Manuel Bilz, Thorsten Johanns, Luiz Garcia, Ole Kristian Dahl, spielten das Stück mit so viel Esprit, Transparenz und Freude am Kommunizieren, dass man trotz gewisser Langatmigkeit bestens unterhalten war.
Knapper in der Diktion, bestrickend in seinem fast orchestralen Mischklang und seinen warmen Farben beschwört das um 1900 entstandene Quintett C-Dur des Weimarer Musikdirektors Klughardt ? ein Fest reinen Wohllauts dank der liebevollen Interpreten, für die auch ein Vergessener wie Klughardt so etwas wie ein Standard für ihre ansonsten stiefmütterlich bedachte Besetzung ist.
Ungewöhnlich war seinerzeit auch die Besetzung Bläserquartett (ohne Flöte) plus Klavier, wie Mozart sie in KV 452 ein einziges Mal gültig festschrieb, wie Beethoven sie in op.16 wiederholte ? und wie sie jetzt Moritz Eggert in seinem Auftragswerk fürs Deutsche Mozartfest wieder aufgriff. Seine Annäherung an das große Vorbild ist zugleich ironisch-spielerische Verknüpfung mittels zahlreicher Motiv- und Stilzitate und radikale Distanzierung mithilfe eines ?Sounds?, der das Raum-Klang-Ideal des Rokokosaals förmlich niederwalzte.

Brutale Vitalität

Was nicht heißt, dass Eggert nur mit Brachialgewalt komponiert hätte. Sein Vorgehen ist durchaus mehrschichtig, bringt etwa bei den Bläsern clusterartige Passagen von delikater Farbigkeit, im Klavier durchsichtige, spieluhrartige Abschnitte. Auch ist das fast halbstündige, einsätzige Werk in Aufbau und Besetzung (Klavier contra Bläsergruppe) klar strukturiert. Was aber ? je nach Geschmack ? fasziniert und erschreckt, ist seine brutale Vitalität und Motorik, die sich in hämmernden Fortissimo-Ostinati des Klaviers immer mehr durchsetzt, allmählich auch die Bläser ?verschlingt?, um am Ende nach einem orgiastischen Höhepunkt mit dem Falco-Zitat ?Rock me Amadeus? des Anfangs in einem geistvoll-knappen Epilog abzubrechen. Die Zustimmung im Saal war heftig und herzlich, Komponist und Bläser strahlten um die Wette.
Und Mozart selbst? Sein Quintett Es-Dur war maßstabsetzend an den Anfang gestellt.
Die Zephyr-Musiker und Eggert als dynamischer, aber durchweg kammermusikalisch agierender Pianist, brachten all die Facetten zum Leuchten, die das Werk so einzigartig machen: die Fülle des Geschehens auf knappstem Raum , das vollkommen gleichwertige Dialogisieren der Stimmen, von denen jede ihre eigene Diktion behält, die Ausdruckstiefe der harmonischen Ereignisse im Larghetto, das hinreißende Konzertieren im Finale.
Nein, Mozart wusste genau, was er sagte, als er das Quintett für das Beste hielt, was er je geschrieben habe. Gegen solch ein Ausnahmewerk kann man sich wohl nur ? wie Eggert ? mit einem radikalen Tabubruch behaupten.

Augsburger Allgemeine Zeitung, 23.Mai 2006